Noelle- Der Start

Der Countdown läuft. Es ist Januar, Donnerstag, halb zwei und in anderthalb Wochen werde ich meine erste Abiturarbeit schreiben. Es gibt Momente, da wühlt mich dieser Gedanke ungeheuer auf, in anderen macht mich die Situation plötzlich sehr nachdenklich. Häufig sitze ich im Unterricht, starre den Lehrer an und verliere mich in Erinnerungen. Dann bin ich immer wieder erstaunt, wie wenig sich geändert hat. Mit vierzehn konnte ich mir nicht vorstellen, dass Achtzehnjährige irgendwelche Probleme haben. Ich sah sie in sonnigen Grüppchen auf dem Schulhof sitzen, wusste, dass sie Abende, ja Nächte in der Großstadt verbringen und ganz nebenbei waren sie bald fertig mit der Schule. Bei allem strahlten sie eine ungeheure Gelassenheit aus und selbst, wenn sie deprimiert waren, wirkten sie irgendwie cool. Aber je älter ich wurde, umso klarer wurde es, bis es irgendwann zu einer beiläufigen Gewissheit verkam: Alles wird bleiben wie es ist, zumindest in emotionaler Hinsicht. Der eigene Aktionsradius ist reichlich begrenzt, wenn es um die eigenen Gefühle geht und das deprimiert. Vieles in meinem Leben ist gut. Ich feiere viel und ausgelassen, bin schulisch eine der Besten, begehrt, geliebt, eigentlich keine Einsamkeit und doch schaffe ich es einfach nicht, wirklich zufrieden mit mir und meinem Leben zu sein. So bin ich an diesem Donnerstag im Januar, in dieser entscheidenden Zeit vor dem Abitur, vieles, aber nicht wirklich glücklich. Man redet sich ein, dass es danach lockerer wird, aber die Stimme, die das behauptet, wird mit jedem Tag schwächer.