Arne- Der Start

Der Countdown läuft. Es ist Januar, Montag kurz vor acht und in zwei Wochen und ein paar Minuten werde ich meine erste Abiturarbeit schreiben.

„Ich habe mich verirrt!” Der Gedanke taucht aus tiefen Produktionsstätten meines Unterbewusstseins auf und zieht durch den müden Körper. Ich sitze auf einem harten Pausenhallenstuhl, um mich ist es laut, aber ich wirke ganz ruhig. In mir breitet sich ein Gefühl der Deprimiertheit aus, trotz der kurzen Freude über den treffenden Gedankengang. Es ist ziemlich deprimierend, mit neunzehn immer wieder das Wechselbad zwischen gnadenloser Unzulänglichkeit und übertriebener Unfehlbarkeit zu erleben. Tatsache ist, dass ich vor ein paar Monaten eine Erlösung sah. Einen Weg, dem emotionalen Talgebiet hier zu entfliehen, aber ich bin in diesem Labyrinth wohl im Kreis gelaufen. Die Hoffnung hatte wie immer mit einem Mädchen begonnen. In meinem Fall mit …  

KLINGEL!!!!

Es durchfährt mich und mit einem Mal gleicht die Pausenhalle einem Ameisenhaufen, dem man statt Zucker eine riesige Menge Speed hingelegt hat. Auch ich greife nach meiner Tasche und bewege mich wie ein Treibholz zwischen kreischenden und sich gegen mich schlagenden Wellen aus muffigen Unterstufenschülern in Richtung Klasse. Ich werde nie verstehen, warum sie sich mit solchem Elan durch Treppen und Gänge peitschen, um dann gelangweilt und desinteressiert an ihrem Platz zu sitzen. Doch in Zeiten wie diesen übergeht man solche ungelösten Phänomene besser. Der Unterricht beginnt mit Mathematik, was so gut zum frühen Montagmorgen passt wie eine Achterbahnfahrt zu Kopfschmerzen und Übelkeit.

Der erste Blick auf den vor der Klasse wartenden Kurs verrät mir, dass etwas nicht stimmt. Etwas liegt in der Luft und betrifft auch mich. Stehen meine Mitschüler sonst gelangweilt mit hängenden Schultern beisammen und berichten über das vergangene Wochenende, so haben sie heute Bücher und Hefte in der Hand. Sie sitzen meist vertieft in ihre Aufzeichnungen und nur eine Gruppe steht beisammen, ebenfalls mit Heften und diskutiert etwas mit Integration. Das stinkt nach Test! Eine Vorahnung liegt bedrohlich in der Luft und heute wird es wohl passieren. Blöd nur, dass ich mein Seelenleben am Wochenende nicht eine Sekunde mit Mathematik belastet habe, nicht mal die Hausaufgaben habe ich von jemandem abgeschrieben. Plötzlich bin ich hellwach und versuche zu retten, was zu retten ist. Ich beschleunige die Schritte und packe bereits im Gehen mein Mathebuch und mein fast leeres Heft aus. Dann stehe ich schon bei der großen Gruppe, wo Marcel gerade versucht, eine Beispielrechnung aus dem Buch zu erläutern. Er zieht sich schon heute, in der dreizehnten Klasse, an wie ein Vorstand der Deutschen Bank an Casual Fridays. In der letzten Sekunde, bevor ich mit dem aktiven Zuhören beginne, verfluche ich mich und meine Faulheit. Aus Angst und Wut nehme ich mir vor, mich zu konzentrieren wie noch nie. Marcel ist eigentlich ein guter Schüler, nur hält er sich meist für besser, als die Lehrer dies tun, was oft genug zu Diskussionen führt. Von seiner Erklärung verstehe ich nichts, doch die anderen nicken brav. Mir wird immer unbehaglicher zumute und ich frage mich, ob Herr Matusch mich heute Morgen schon gesehen haben kann. Am Besten ich hau ab, ist der letzte, sehr rationale Gedanke, der durch meinen Kopf jagt, bevor der halblaute Schrei eines Mädchens ertönt:

„Er kommt!“